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Bayernherzog Tassilo III.

Lex Baiuvariorum

Geschichte Bild Karl Bauer
Geschichte - © Karl Bauer

Eine der wichtigsten Quellen f√ľr die historische Einordnung des zu Schildernden ist das alte Volksrecht der Baiern. Im ‚ÄěTitulus tertius‚Äú dieser ‚ÄěLex Baiuvariorum‚Äú (erste Fassung um 635) lesen wir: Der Herzog aber, der dem Volk vorsteht, war immer aus dem Geschlecht der Agilolfinger und muss es immer sein, weil es so die K√∂nige, unsere Vorg√§nger, ihnen zugestanden haben. ‚ÄěDen Agilolfingern aber gew√§hre man bis zum Herzog herauf vierfache Bu√üe, weil sie die h√∂chsten F√ľrsten unter euch sind‚Äú. Es ergibt sich daraus also eindeutig, dass eine ‚ÄěFamilia‚Äú (Sippe) der ‚ÄúAgilolfinger‚Äú gem√§√ü der Abfassung des im 8. Jahrhundert in der √ľberlieferten Form kodifizierten bairischen Rechts das legitime, vererbliche bairische Herzoghaus repr√§sentiert hat.

Geburt und Herkunft

Tassilo ist wahrscheinlich im Jahr 741 geboren. Die Eltern waren der Baiern-Herzog Odilo und seine Gattin die Langobardische K√∂nigstochter Hiltrud. Sein Vater Odilo wurde Nachfolger des um 736 gestorbenen Herzogs Hugbert; das Verwandtschaftsverh√§ltnis zu diesem ist immer noch ungekl√§rt. Beide geh√∂rten jedoch dem F√ľrstengeschlecht der Agilolfinger an, dass dem heutigen Stand der Forschung zufolge wohl aus Burgund stammt.

Es wird jetzt allgemein angenommen, dass Herzog Hugbert unter fr√§nkischer Oberhoheit regiert habe, wenn nicht √ľberhaupt die Familie der Agilolfinger von den Franken in Bayern eingesetzt worden ist. Allerdings hatte sich Hubert durch Verschw√§gerung mit dem m√§chtigen Langobardenk√∂nig Luitprand gegen allzu starken fr√§nkischen Druck dort R√ľckhalt verschafft. Herzog Odilo baute schlie√ülich eine entschiedene Front gegen die imperialistische Politik der von den karolingischen Hausmeiern gef√ľhrten Franken auf. Sie brach jedoch bald in einer gro√üen Schlacht bei Epfach 743 zusammen. Der bairische Widerstand gegen die fr√§nkische Herrschaft flammte nochmals unter Grifo, dem Sohn der bairischen Prinzessin Swanahilt und Karl Martells auf. Nach dem Tod Herzog Odilos 748 bem√§chtigte er sich dessen Witwe Hiltrud, seiner Halbschwester, und deren Sohn Tassilo, √ľber den sie eine vormundschaftliche Regierung auszu√ľben begonnen hatte. Doch beendete ein milit√§rischer Vorsto√ü Pippins den Aufstand Grifos im Jahr 749.

Antritt der Herrschaft

So begann die Herrschaft Tassilos ganz im Zeichen der Abh√§ngigkeit von den Franken. Nach dem Tod der Mutter im Jahr 754 scheint Pippin selbst die Vormundschaft innegehabt zu haben. 756 nahm Tassilo an dessen Feldzug gegen die Langobarden teil, 757 leistete er, jetzt etwa sechzehnj√§hrig, in Compiegne Pippin und dessen beiden S√∂hnen den vasallischen Lehenseid. Mit seiner M√ľndigsprechung endete auch die vormundschaftliche Regierung. Tassilo konnte von nun an im Innern seines Herzogtums frei schalten. Die Treueverpflichtung band ihn hinsichtlich der Heeresfolge gegen√ľber dem Frankenherrscher.

Zum sog. vierten Kriegszug gegen Aquitanien, einem aufst√§ndischen westlichen Reichsteil, im Jahr 765 erschien zwar Tassilo noch auf dem Hoftag. Doch kam es hier zum Bruch; er gab Krankheit vor und kehrte mit seinen Truppen heim. Um sich gegen eine bef√ľrchtete Intervention Pippins zu sch√ľtzen, nahm Tassilo nun Verbindung zum Papst auf und suchte seine Beziehungen zu den s√ľdlichen Nachbarn, den Langobarden, durch seine Heirat mit der K√∂nigstochter Liutbirc des Langobardenherrschers Desiderius zu st√§rken.

Territoriumserweiterung

Diese Verbindung brachte gewisse Gebiete in S√ľdtirol an Bayern zur√ľck. Nach dem de-facto-Ausscheiden aus dem Verband des fr√§nkischen Reiches gelang Tassilo noch eine wesentliche Erweiterung seines Herrschaftsbereichs, indem er seine politische, wirtschaftlichen und kulturellen Interessen geschickt b√ľndelte und im Zusammenwirken mit kirchlich-missionarischen Intentionen verst√§rkte. Die allgemeinpolitischen Verh√§ltnisse verwiesen ihn nach S√ľden und Osten.

In der fr√ľheren r√∂mischen Provinz Binnennoricum (K√§rnten) hatten die slowenischen Karantanen Fu√ü fassen und einen eigenen Staat gr√ľnden k√∂nnen. Von den hunnisch-mongolischen Awaren bedr√§ngt, wandten sie sich an Bayern um Hilfe. Herzog Tassilo befriedete das Gebiet, warf heidnische Aufst√§ndische nieder und regelte das Herrschaftsverh√§ltnis in der Weise, dass eine quasi-lehensrechtliche Abh√§ngigkeit Karataniens von Baiern begr√ľndet wurde.

√úber die bairischen Beziehungen zu den Awaren ist dagegen nur wenig bekannt. Offensichtlich beanspruchten diese das Gebiet Nieder√∂sterreichs bis zur Enns. Herzog Tassilo scheint es gelungen zu sein, mit ihnen ein B√ľndnis zu schlie√üen, um sich den gegen seine alsbald einsetzenden Schwierigkeiten mit Karl dem Gro√üen offen zu halten. Noch nicht abschlie√üend analysierte arch√§ologische Befunde in Peigen bei Pilsting und Straubing St. Peter mit √∂stlich-‚Äěawarischen‚Äú Charakteristiken lassen aber in Niederbayern noch viel fr√ľhere und recht intensive Kontakte als offenkundig erscheinen.

Klostergr√ľndungen

Hatte schon Herzog Odilo mit der neugegr√ľndeten Klosterzell von Chamm√ľnster bairischen Siedlern den Weg nach B√∂hmen geliefert, so f√ľhrte auch Tassilo dieses Werk von Kolonisation und Christianisierung fort. Zur Bekehrung der Alpenslawen stiftet er 769 in der damaligen √Ėde des Pustertals das Kloster Innichen. Wie dieses Zentrum als Mittelpunkt bairischer Herrschaftsanspr√ľche wie christlicher Siedelt√§tigkeit wirkte, gewann auch Kremsm√ľnster als zweite gro√üe Tassilo-Gr√ľndung (777) h√∂chste Bedeutung f√ľr das Land zwischen Traun und Enns. Seine wahrhaft f√ľrstliche Ausstattung mit Grundbesitz im Bergland gegen den Almsee zu und in der Ebene sicherte diesem Kloster eine mehr als tausendj√§hrige Einflussnahme auf alle Bereiche menschlichen Lebens in der Region. Schlie√ülich stellte noch vor 770 die Tassilo zugeschriebene Stiftung des Kloster Mattsee eine Verbindung des Salzburger Raums mit dem √§lteren Stift Mondsee her, gegr√ľndet 748 von Tassilos Vater, Herzog Odilo.

Kampf mit Karl dem Großen

Der Sohn Pippins, Karl, dem die Geschichtsschreibung den Beinamen "der Gro√üe" verliehen hat, ging nach seinem Herrschaftsantritt alsbald daran, den S√ľden des Reiches wieder vollst√§ndig unter Kontrolle zu bringen. In den K√§mpfen von 773/74 brach das K√∂nigtum der Langobarden zusammen. Von Bayern und Tassilo ist dabei nichts zu vernehmen, obwohl dessen Schwiegervater eigentlich der gewichtigste Garant seiner eigenen franken-unabh√§ngigen Herrschermacht h√§tte sein m√ľssen. Es gibt √ľber die Vorg√§nge jedoch keine n√§here Kenntnis. Das politische Gewicht begann sich aber jetzt zu verlagern. Anl√§sslich eines Besuchs in Rom im Jahr 781 gewann Karl der Gro√üe den Papst zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen Bayern und beraubte so Tassilo seines letzten au√üerbayerischen R√ľckhalts. Bei Zusicherung freien Geleits stellte sich Tassilo daraufhin noch 781 beim Hoftag in Worms ein, erneuerte den Lehenseid und √ľbergab zw√∂lf Geiseln.

Das kaum zustandegebrachte Einvernehmen scheiterte am Misstrauen Tassilos gegen√ľber den zweifellos ebenso wirksamen Machtanspr√ľchen Karls. Einer erneuten Vorladung nach Worms kam Tassilo nicht nach; somit unternahm 787 der Frankenherrscher einen Feldzug nach Bayern. Doch ehe es √ľberhaupt zur Schlacht kam, musste Tassilo aufgeben, da ihm der Adel die Gefolgschaft verweigerte. Erneute Anerkennung der Lehenshoheit, Stellung von zw√∂lf Geiseln zuz√ľglich des eigenen Sohnes Theodo waren die Folge f√ľr den Herzog. Ferner wurde der ganze bairische Adel dem Franken eidlich verpflichtet.

Sturz und Ende

Diese ‚ÄěEinkreisung‚Äú f√ľhrte schlie√ülich zum vollen Erfolg. Als Tassilo im Jahr 788 auf dem Hoftag in Ingelheim erschien, wurde er unter der Anklage verhaftet, er habe ein B√ľndnis mit den Awaren geschlossen, er gehe gegen die k√∂nigliche Vasallen in Bayern vor und habe seinen eigenen Leuten befohlen, dem Frankenk√∂nig nur unter Vorbehalt die Treue zu schw√∂ren. Zuletzt griff man das 25 Jahre zur√ľckliegende Verlassen des Heeres durch Tassilo auf und f√§llte daraufhin das Todesurteil. Es wurde dadurch m√∂glich, nicht nur die Person des Herzogs sondern auch die im bairischen Gesetzbuch der Lex Baiuvariorum verankerten rechtlichen Anspr√ľche der Agliolfinger-Familie auf die Herrschaft in Bayern zu treffen. War das erreicht, kam es auf die Vollstreckung des Todesurteils gar nicht mehr an. Karl der Gro√üe konnte Tassilo g√∂nnerisch zu lebenslanger Klosterhaft begnadigen.

In St. Goar erhielt der damalige Herzog die m√∂nchische Tonsur. Sp√§ter wurde er nach Jumieges/ Normandie verlegt, angeblich in der Folge nach Lorsch. Jedenfalls ist er an einem 11. Dezember unbekannten Jahres gestorben. Die Legende berichtet, er sei geblendet in seinen letzten Jahren von einem Engel von Altar zu Altar begleitet worden. Auch seine Gattin und seine Kinder wurden hinter Klostermauern gehalten, Sohn Theodo soll in Kremsm√ľnster begraben sein. Welche Rolle der Salzburger Bischof Arn dabei gespielt hat, wenig sp√§ter von Karl dem Gro√üen zum Erzbischof erhoben, ist ungekl√§rt. Damit verschwindet das bairische Herzogsgeschlecht der Agilolfinger aus der Geschichte. Noch 794 hatten aber die Franken Tassilo aus der Zelle geholt und gezwungen, vor der Reichsversammlung ein Reuebekenntnis abzulegen sowie f√ľr sich und seine Nachkommen auf sein Herzogtum zu verzichten: ‚ÄěFinis Bavariae‚Äú zur damaligen Epoche.

Erinnerung

In Bayern hat man jedoch den letzten regierenden Agilolfinger nicht vergessen.
Fater, der erste Abt von Kremsm√ľnster und einstige Hofkaplan, beschrieb sein Leben. Jedesmal am 11. Dezember begingen die Tassilo-Kl√∂ster von Kremsm√ľnster √ľber Frauenchiemsee bis Wessobrunn den Jahrtag ihres Stifters. Das Volk erz√§hlte sich die erw√§hnte Legende. Die in Schwaben angesiedelte Chronik der Grafen von Zimmern aber wei√ü noch im 16. Jahrhundert zu berichten, ihre Vorfahren, die alten Freiherrn von Gundelfingen h√§tten ihre Abstammung auf eine Seitenlinie der Agilolfinger zur√ľckgeleitet und w√§ren so die letzten Sprossen aus Herzog Tassilos Haus gewesen. Kaum an historischer Kontinuit√§tsstiftung, sondern eher an kommerzieller Verwertung interessiert erscheinen aktuelle Ph√§nomene der Tassilo-Erinnerung: Namengebung an Apotheken, ein Kino, ein Hallenbad und alkoholische Produkte in Dingolfing und Mattsee (‚ÄěTassilo Wein‚Äú).             (Dr. Markmiller)

Tassilokelch

Er entstand 769 als Hochzeitskelch. Schon der erste Herzog von Bayern, Garibald I. war mit einer langobardischen K√∂nigstochter verheiratet, mit der Mutter von Theodolinde, die seit 589 mit dem Langobardenk√∂nig Authari verm√§hlt war. Dies inmitten von Arianern dem katholischen Glauben Gregor I., dem Gro√üen wie auch mit dem hl. Kolumban in freundschaftlicher Verbindung stand, stellt ein Ahnenbild auf dem Tassilokelch von Kremsm√ľnster dar. Seine Umschrift gibt selbstbewusst die Namen und Titel des Paares an: ‚ÄěTassilo Dux fortis‚Äú ‚Äď ‚ÄěLiutpiirc Virga regalis‚Äú (Tassilo, der starke Herzog ‚Äď Liutpirc, das k√∂nigliche Reis)

Kirchenpolitik und Religiosität

Tassilo betrieb eine √ľberaus aktive Kirchenpolitik; er berief die Synoden von Aschheim (756), Dingolfing (770) und Neuchung (771) ein, wirkte mit bei der Einsetzung von Bisch√∂fen und beobachtete die Gerichtsbarkeit √ľber den Weltklerus. Besonders als Fundator von Kl√∂stern ist er in Erscheinung getreten, sodass einige (ehemalige) Stifte Bayerns auf ihn zur√ľckgehen, wie Scharnitz-Schlehdorf, Wessobrunn, Polling u. a. (Thierhaupten der Sage nach). Doch nur in den ununterbrochen existierenden Stiften Kremsm√ľnster und Mattsee blieb Tassilo in liturgischer Pr√§senz. Schon die Zeitgenossen hatten seine pers√∂nliche Fr√∂mmigkeit mit den Worten ‚ÄěIn sensu sanctae scriptuare praecessoribus maturior‚Äě  (Im Geist der heiligen Schrift √ľberragt er seine Vorg√§nger) gew√ľrdigt; so wird seine innere Bekehrung zum M√∂nch und die Lokaltradition, in ihm einen Seligen zu erblicken, durchaus glaubhaft: ‚ÄěFundatore sunt quasi beati‚Äú, sagt die Kirche, dies dankbar anerkennend.

Tassilo und Thierhaupten

Der Name Tassilo findet auch heute noch in Thierhaupten Verwendung.
Tassilo-Apotheke, Tassilo-L√∂wen, Herzog-Tassilo-Str., Tassilo Stub¬īn, im Klostergasthof und im Kloster Thierhaupten

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